Aktualisieret am 26. August 2025 (erste Fassung vom 25. August 2025).
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Zu meinem Leserbrief in der Schweriner Volkszeitung (Nordkurier) vom 15. August 2025, Seite 6 (der auch hier veröffentlicht wurde: Einigkeit und Recht und Freiheit, erhielt ich diese Mail.
Guten Tag Herr Hubert,
ich habe Heute Ihren Leserbrief im Nordkurier gelesen – dazu möchte ich nichts weiter kommentieren.Jedoch treibt mich eine Frage um:
Sie stören sich an der Differenzierung biodeutsch und Passdeutsch. Wie ordnen Sie dann die Differenzierung deutsch und ostdeutsch ein – wer gibt so eine Studie und zu welchem Zweck in Auftrag?Mit freundlichen Grüßen
B.
Meine Antwort #1
Ebenfalls einen schönen guten Tag wünsche ich Ihnen … B. und vielen Dank, dass Sie meinen Leserbrief so aufmerksam gelesen haben, denn – und darüber freue ich mich – stellen Sie mir eine Frage, die den Kern des Problems berührt. Sie werden von einer Frage umgetrieben, wie Sie schreiben. Und dass ist – so entnehme ich es Ihrer Mail – meine Unterscheidung zwischen biodeutsch und Passdeutsch. Sie stellen dann die Frage nach dem Sinn der Differenzierung deutsch und ostdeutsch und fragen anschließend, wer so eine Studie in Auftrag gibt und welcher Zweck damit verfolgt wird.
Sie haben mir auch – dankenswerterweise – die Studie hierzu zugeschickt, aus der ich zwei zentrale Aussagen anführe, die zu meinem – zugegebenermaßen kurzem – Antwortversuch hinführen können:
- Auch wenn Kategorisierungen konstruiert sind, ist ihre Berücksichtigung dennoch gesellschaftspolitisch relevant. Statistische Kriterien und eine differenzierte Bestimmung von Bevölkerungszahlen sind wichtig für die Quantifizierung von Ungleichheiten und Benachteiligungen.
- Diese sichtbar zu machen, bildet die Voraussetzung für Fördermaßnahmen, Gesetze oder Quotenregelungen und damit für eine evidenzbasierte Politik.
Es wird Ihnen unschwer entgangen sein, dass sich meine Ausführungen explizit gegen die AfD richten. Darum – so lohnend die von Ihnen angegebene Studie ist und die sich daraus ergebenden Fragen und/oder Schlussfolgerung – um eine derartige Unterscheidung geht es bei der Differenzierung von deutsch und Passdeutsch gerade nicht! Mein Vorwurf an die Alternative für Deutschland ist viel gravierender: Sie macht mit dieser Unterscheidung – vergegenwärtigen Sie sich nur einmal die Assoziationen, die beim Begriff biodeutsch hochkommen, wenn man nur ein wenig geschichtlich denkt – einen Unterschied, der völlig inakzeptabel ist! Nehmen Sie den – ebenso fatalen wie bezeichnenden – Ausdruck vom homogenen Staatsvolk. Nation und Volk werden in dieser ‚Alternative‘ zu Letztwerten hochgestuft. Das sind sie nicht, das können, das dürfen sie nicht sein! Unabhängig von der Diskussion um die adäquate Begriffsbestimmung gilt – und das ist meine Überzeugung, warum ich auch diesen Brief geschrieben habe – dass Menschenrechte und Menschenwürde unteilbar sind! Das gilt für jedermann und jede Frau, und zwar immer und überall!
(Über das Fundament hierfür lohnt sich ebenfalls eine Diskussion, die hier und jetzt nicht geführt werden kann, die aber – so scheint es mir – zwingend notwendig ist. Nur ein Stichwort hierzu: Ob allen heute noch bewusst ist, dass – wer für das ‚Abendland‘ eintritt – damit auch das römische Recht, die griechische Philosophie und den jüdisch – christlichen Glauben bejaht? Ob das allen bewusst ist oder ob Walter Benjamin nicht doch recht hatte – schon 1920 – dass die Religion in Deutschland das Geld und die kapitalistische Lebensweise ist?.)
Universelle Menschenrechte und unantastbare Würde haben nämlich entscheidende Konsequenzen. Ich bleibe beim Thema Migration: Es sollte und es muss alles getan werden, damit Menschen überall auf diesem Planeten gar nicht erst in die Situation geraten, zu Flüchtlingen im eigenen Land zu werden. Da haben alle Staaten auf dieser Erde eine gemeinsame Verantwortung.
Und, ja ich höre schon die Meinung, dass zu uns, nach Deutschland vor allem junge Männer kommen, aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum. Sie seien erstens keine wirklichen Flüchtlinge, zweitens missbrauchen sie das Asylrecht in Größenordnungen und drittens ist bei ihnen – kulturell und religiös motiviert – die Kriminalitätsrate, sind Gewaltexzesse, besonders auch gegenüber Frauen, um ein Vielfaches höher als bei Einheimischen und anderen Migrantengruppen. Dies – so scheint es mir – ist das große Reservoir, aus dem die AfD, die vornehmlich an Stimmungen und Ängste appelliert, schöpft. (Wie sie sich in Ausschüssen und Gremien einbringt, kann ich durchaus gut beurteilen. Da gibt es große Leerstellen!) Und sie kann offensichtlich – übrigens nicht nur, aber in erheblichem Maße – daraus in ‚Ostdeutschland‘ schöpfen. Dafür gibt es viele unterschiedliche Gründe. Einer, der fast immer verschwiegen wird, ist das Zusammengehen von extremistischen Überzeugungen, seien sie von ‚links‘, ‚rechts‘ oder religiös-fundamentalistisch. (‚Links‘ ist ja noch in ‚Ostdeutschland‘ quicklebendig. Gott sei Dank bin ich hier aufgewachsen und weiß darum um die Lehre im Staatsbürgerunterricht.) In allen extremistischen Strömungen geht es nämlich um eine ‚starke Hand‘. Da ist es fast gleichgültig, ob das ein ‚Führer‘, eine ‚führende Partei‘ oder eine ‚unanfechtbare religiöse Autorität‘ ist. (Wie froh bin ich, dass in der Katholischen Kirche das persönliche Gewissen die oberste Norm ist.) Allen gemeinsam ist – Dostojewskis Großinquisitor lässt grüßen – dass die ‚Masse‘ geführt werden muss, dass die Demokratie eine Illusion, eine Farce ist, die es zu beseitigen gilt. Da treffen sich alle Extremisten, dort sind sie sich sehr einig. (‚Links‘: Das Kapital dominiert alles! ‚Rechts‘: Richtig, und wir wissen, in wessen Hand sich das Kapital befindet. Hier ‚Klassen‘, dort ‚Eliten‘)
Mir sind aus meiner Arbeit und dem interreligiösen Dialog diese Probleme mit bestimmten Migrantengruppen hinlänglich bekannt. Auch hier bedarf es einer sehr differenzierten Analyse und Bewertung, wozu hier weder Raum noch Zeit vorhanden sind. Vor allem bedarf es eine Abwägung von Chancen und Risiken. Von daher nur so viel in aller Kürze: Wenn es Fehler in der Integration gab und gibt, dann hilft kein Leugnen. Da hilft dann auch keine Suche nach ‚Sündenböcken‘. Da hilft einzig und allein eine faktenbasierte Bewertung der Situation und eine Politik, die nicht nach dem nächsten Wahltermin schielt, sondern die nach echten Lösungen sucht- und sie umsetzt. Das alles geht allerdings nur im demokratischen Kontext, weil sämtliche autoritären gesellschaftlichen ‚Lösungsversuche‘ die geschichtliche Wahrheit gegen sich haben. Sämtliche autoritären Mächte führten und führen ins millionenfache Verderben!
Nun ist meine Antwortmail doch länger geworden, als ich ursprünglich dachte. Sei‘ s drum: Mir ging es und mir geht es darum, die Alternative für Deutschland inhaltlich zu stellen. Sie hat kein Fundament, das es nicht zulässt, dass universelle Menschenrechte und Menschenwürde in Frage gestellt werden. Darum eben auch so krude Begriffe wie homogenes Staatsvolk und die Unterscheidung von biodeutsch und Passdeutsch. Es mag sein, dass vielleicht manche Anregung zum gesellschaftlichen Miteinander bedenkenswert erscheinen. Es mag (und wird so sein!) dass manch‘ einer, der die AfD wählt, leider den „Wolf im Schafspelz“ nicht erkennt. Umso wichtiger sind für mich zwei klare Forderungen:
- Wehret den Anfängen!
- Sprecht möglichst so, dass jedem klar wird, dass es bei diesen Begrifflichkeiten eben nicht um legitime Kategorisierungen geht, sondern im Kern um menschenunwürdige Selektion, Ausgrenzung und um Hass. Diese ‚Alternative für Deutschland‘ ist jedenfalls keine!
Mit freundlichem Gruß, Rudolf Hubert
Hier folgt die Aktualisierung dieses Beitrages am 26. August 2025
Eine weitere Mail von B.
Guten Tag Herr Hubert
Leider konnte ich immer noch nicht erkennen warum innerhalb einer Studie des Deutschen Zentrums für Migration!! differenziert wird zwischen geo , bio, sozio und emu Ostdeutschen, ich habe erkannt das Sie Differenzierungen bei Menschen nach Herkunft usw. ablehnen. Und mit Verlaub messen wir da nicht mit unterschiedlichen Maßstäben?
Was die AfD angeht – ich bin parteipolitisch in keiner Richtung orientiert und wähle kleine lokale Bürgerbündnisse.Einen schönen Tag und freundliche Grüße sendet
B.
Meine Antwort #2
Guten Abend, … B., danke für Ihre Rückmeldung. Erstens freue ich mich über das, was Sie über kleine, lokale Bürgerbündnisse sagen. Gott sei Dank – es gibt diese vielfältigen Initiativen, die den Kern der Demokratie ausmachen. Meine persönliche Meinung und Wahrnehmung ist die, dass Kritik am Versagen derer, die ‚oben‘ sind, von jenen Menschen am glaubhaftesten zu vernehmen ist, die ‚unten‘, in Bürgerbewegungen, Gremien, Ausschüssen, Kommunal- und anderen Parlamenten ehrenamtlich Dienst am Gemeinwohl leisten.
Nun kurz zu Ihrer Frage: Ich glaube nicht, dass Sie mich richtig verstanden haben, wenn Sie schreiben, dass ich „Differenzierungen bei Menschen nach Herkunft ablehne.“ Das wäre naiv, denn natürlich gibt es kulturelle Prägungen und Eigenheiten. Ja, es gibt auch Integrationshemmnisse, die aus bestimmten Kulturen stammen, teilweise auch aus falsch verstandener Religiosität, insbesondere dort, wo Frauen nicht die gleichen Rechte haben wie Männer, wo die Aufklärung, wie in Europa beispielsweise, nicht stattgefunden hat oder wo es keine Trennung von Staat und Kirche gibt und man die eigene Religion über alle anderen und über alles andere stellt. Ja, über all das muss man nicht nur diskutieren. Wer es ehrlich meint mit Integration, darf die Augen nicht verschließen vor offensichtlichen Missständen, die nicht selten zu Parallelwelten führen, zu Dialogverweigerung und/oder zu Gewalt und Kriminalität. Hier muss angemessenes und sinnvolles, vor allem weitsichtiges und nachhaltiges politisches Agieren erfolgen, denn das Gemeinwohl, die Personenwürde, die Menschenrechte – sie sind von unserem Grundgesetz geschützt und sind von allen, die bei uns leben – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – ohne Wenn und Aber zu respektieren, zu befolgen und mit Leben zu erfüllen. Dazu gehört auch das Unterlassen des Messens mit „zweierlei Maß.“
Was ich allerdings mit Vehemenz ablehne, ist, wenn man die Herkunft von Menschen – wie es in Deutschland derzeit vor allem die AfD mit großem medialem Aufwand und nicht geringem Erfolg praktiziert – instrumentalisiert, um eigene politische Ziele durchzusetzen. Wenn man Kultur, Religion oder auch Menschen anderer Länder von vornherein und undifferenziert diskriminiert, ihre Anliegen pauschal und von vornherein, ohne jede wirkliche Prüfung, delegitimiert und vor allem, wenn man das eigene Volk, das eigene Land – so wunderbar es ist – zum Letztwert erklärt – dann bedarf es des couragierten Einspruchs und Widerspruchs! Wer sein Volk, seine Nation zum alles beherrschenden Maßstab macht, offenbart zweierlei:
Erstens, dass er damit seinem Volk eben keinen Dienst erweist. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland haben mit guten Gründen nicht das Volk oder die Nation zum alleinigen oder letzten, endgültigen und absoluten Werterklärt. Struktur und Intention des Grundgesetzes – das Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität verfolgt und deren Verwirklichung anmahnt – sind exakt das Gegenteil von staatlichem Chauvinismus!
Zweitens: Wer nur diesen Letztwert kennt – das Volk, die Nation – zeigt damit an, dass er keinen anderen kennt bzw. hat. Da kann ich nur (noch) sagen: Armes Deutschland! Das ist keine billige Floskel, sondern traurige Realität, denn so lassen sich universelle Menschenrechte und die unbedingte Achtung menschlicher Würde eben nicht hinreichend begründen! Da braucht‘ s wirklich – das meine ich allen Ernstes und nicht als Wortspiel – eine ‚Alternative für Deutschland‘.
Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.
Mit freundlichem Gruß
Rudolf Hubert
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