Wochenimpuls August 2025-4
Ganzheitlich Leben erspüren – ganzheitlich Glauben riskieren – das ist in einem die Aufforderung, sich (endlich) der Frage zu stellen nach dem unterscheidend – Christlichen. Was macht das Christentum wesentlich aus? Worin unterscheidet sich das Christentum, worin unterscheidet sich das Leben des Christen, wenn es aus seinen tiefsten Quellen schöpft, die längst nicht immer klar im Bewusstsein offenliegen und exakt aussagbar sind, so dass es auch – oft genug – „anonyme Christen“ gibt, die deutlich vorleben, was es mit dem Christentum im Eigentlichen auf sich hat:
„Das >unterscheidend Christliche< nach Rahner ist das allen Menschen von Gott angebotene, seine Gnade. Während, so kann man sagen, sich andere Identitäten durch Abgrenzungen bestimmen, ist das Christliche als das Gemeinsame aller Menschen auf Grund ihrer Herkunft und Zukunft in Gott auszulegen.“ 1
Es ist dieses beglückende Paradox, dass das, was zunächst nach ‚Abgrenzung‘ aussieht, letztlich ‚das Gemeinsame aller Menschen‘ meint. Wenn und weil das so ist, kann ich von der „Freude eines Christenmenschen“ erzählen. Und wenn dann die Fragen auftauchen, wie es denn mit der Kirche ist, in der so viele Dinge zu verändern sind, damit sie ihren Auftrag erfüllen kann, der mit ihrem Sein gegeben ist – was ist dann zu sagen und zu tun? Mich lassen diese Fragen auch nicht ‚kalt‘; es ist nicht so, dass ich nicht ab und an sorgenvoll schaue, was sich in Kirche und Gesellschaft tut. Und doch: Wenn vieles in Frage steht, gehe ich an mein Bücherregal, greife mir ‚meinen‘ Rahner heraus, bei dem ich dann diese trostvolle, ermutigende und klärende Aussage finde:
„Alles Kirchliche, also alles Institutionelle, Rechtliche, Sakramentale, alles Wort, aller Betrieb in der Kirche und also auch alle Reform von all diesem Kirchlichen ist im letzten Verstand und in der letzten Absicht, so es sich nur selber richtig begreift und sich nicht selbst vergötzt, reiner Dienst, bloße Hilfestellung, für etwas ganz anderes, etwas ganz Einfaches und so gerade unbegreiflich Schweres und Seliges zumal: für Glaube, Hoffnung und Liebe in den Herzen aller Menschen.“ 2
‚Hilfestellung …für Glaube, Hoffnung und Liebe‘ zu geben – ist das nicht ein wunderbarer und vor allem ein dankbarer Auftrag für die „Kirche in der Welt von heute“? 3
- Roman A. Siebenrock in „Nach Rahner“ – post et secundum, Köln 2004, S. 86 ↩︎
- Karl Rahner „Das Konzil – ein neuer Beginn“, mit einer Hinführung von Karl Kardinal Lehmann, herausgegeben von Andreas R. Batlogg und Albert Raffelt, Freiburg-Basel-Wien 2012, S.52– Der Text des Vortrages von Karl Rahner ist auch abgedruckt in Rahners SW, 21/2, S. 775 ff ↩︎
- Konzilskonstitution ↩︎
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